Welche Fragestellung aus dem Feld der Fremdsprachenforschung verfolgt das Projekt?

Vor dem Hintergrund zunehmender Migration und wachsender sprachlicher Heterogenität stellt sich insbesondere für neuzugewanderte Schüler*innen die Frage, wie ein gelingender Übergang vom erstsprachlich geprägten Alltag über die Erstförderung in sogenannten Vorkursen hin zum regulären Fachunterricht gestaltet werden kann. Der Englischunterricht spielt hierbei eine besondere Rolle: Einerseits ist Englisch als globale Lingua Franca Teil vieler Lebenswelten der Schüler*innen und wird für jeden deutschen Schulabschluss benötigt, andererseits wird es im schulischen Kontext häufig zugunsten des Deutscherwerbs vernachlässigt oder sogar ausgeschlossen (KMK 2004; Dose 2018, S. 4).

Das Dissertationsprojekt untersucht, wie Unterrichtsmaterial für den Englischunterricht gestaltet werden kann, um Lehrkräfte dazu anzuleiten, die Mehrsprachigkeit von allen Schüler*innen gezielt zu nutzen. Im Fokus stehen dabei sogenannte Emergent Multilingual Learners. Damit sind Schüler*innen gemeint, die sich aktiv im Prozess des Erwerbs mehrerer Sprachen befinden. Diese Gruppe umfasst sowohl neuzugewanderte Lernende, die aus Vorkursen in den Regelunterricht übergehen, als auch Schüler*innen in Regelklassen, die außerhalb der Schule vielfältige sprachliche Ressourcen erworben haben.

Das Projekt reagiert auf das Desiderat, dass bisher nur wenige Konzepte existieren, die Lehrkräfte dabei unterstützen, Mehrsprachigkeit didaktisch produktiv einzusetzen. Ziel ist daher, begleitende Materialien zu entwickeln, die sowohl in Vorkursen als auch in Regelklassen eingesetzt werden können, um vorhandene sprachliche Ressourcen nicht als Defizit, sondern als Ausgangspunkt für den Englischlernprozess zu verstehen. So sollen Schüler*innen aus Vorkursen frühzeitig und sinnvoll am Englischunterricht teilhaben können, ohne Lehrkräfte zu überfordern..

Was entsteht aus dem Projekt (Praxis-/Theoriebeitrag)?

Methodisch orientiert sich das Forschungsvorhaben an einem Design-Based Research-Ansatz. In einem iterativen Prozess werden gemeinsam mit Englischlehrkräften an Bremer Schulen Bedarfe erhoben, Materialien entwickelt, erprobt und weiterentwickelt. Dabei kommen leitfadengestützte Interviews mit Lehrkräften und Mehrsprachigkeitsexpert*innen, Unterrichtsbeobachtungen und ggf. Schüler*inneninterviews zum Einsatz.

Auf theoretischer Ebene werden Design-Prinzipien entwickelt, welche die Gelingensbedingungen für den Einsatz von Mehrsprachigkeit im Englischunterricht unter migrationsgesellschaftlichen Bedingungen beschreiben. Auf praktischer Ebene entsteht ein anwendungsorientiertes Begleitmaterial, das exemplarische Unterrichtseinheiten, Aufgabenformate und methodische Hinweise für die Arbeit mit heterogenen, mehrsprachigen Lerngruppen enthält.

Die Dissertation ist Teil des Promotionsprogramms „Die Duale Promotion in der Lehrkräftebildung: Wissenschaft macht Schule“ und verbindet wissenschaftliche Forschung mit der schulpraktischen Ausbildung im Referendariat. Damit leistet das Projekt einen Beitrag zur Theorieentwicklung in der Mehrsprachigkeitsdidaktik ebenso wie zur Professionalisierung von Lehrkräften im Umgang mit sprachlicher Vielfalt.

Literatur

Dose, J. (2018). Inklusiver Englischunterricht. Eine empirische Studie zum Status quo in der Sekundarstufe 1. Wiesbaden: Springer.

Kultusministerkonferenz (KMK). (2004). Bildungsstandards für die erste Fremdsprache (Englisch/Französisch) für den Ersten Schulabschluss und den Mittleren Schulabschluss.