
Designprinzipien für die kompetenz- und prozessorientierte Entwicklung von fremdsprachlichem Hörverstehen
Jens-Folkert Folkerts, Universität Münster
Welche Fragestellung aus dem Feld der Fremdsprachenforschung verfolgt das Projekt?
Im Zuge der Einführung zentraler high-stakes Überprüfungen des fremdsprachlichen Hörverstehens in den modernen Fremdsprachen (zentrale Abschlussprüfung 10, Zentralabitur) in Nordrhein-Westfalen stellte sich für viele Lehrkräfte die Frage, wie sie ihre Lernenden auf diese Prüfungen vorbereiten können, ohne dass es reines teaching-to-the-test ist (Folkerts & Matz 2024). Insbesondere vor dem Hintergrund, dass viele Lernende nicht wissen, wie sie sich gezielt auf die Überprüfung dieser Kompetenz vorbereiten können, kommt der lernwirksamen unterrichtlichen Anbahnung des fremdsprachlichen Hörverstehens eine große Bedeutung zu (ebd.). Ferner äußerten Fachleitungen Unmut darüber, dass in Unterricht, der auf die Förderung des Hörverstehens abzielt, häufig nur eine geringe kognitive Aktivierung stattfindet und dass eine Reflexion über die Kompetenz als solches zumeist ausbleibt (Folkerts 2024).
Zugleich zeigt sich in der Forschungsliteratur ein großer Fokus auf die Validität der Testung dieser Kompetenz (z.B. Rossa 2012, Aryadoust 2022) und konkrete Vorschläge dazu, wie diese komplexe Kompetenz im Rahmen des Unterrichts zielführend weiterentwickelt werden kann, bleiben rar. Während insbesondere John Field (2008) sich für eine Prozessorientierung stark macht, fordern Christine Goh & Larry Vandergrift (2022) einen Fokus auf den Einsatz metakognitiver Strategien. Beide Ansätze erscheinen vielversprechend, haben jedoch bisher keinen übergreifenden Einzug in die Praxis gefunden.
Aus diesen Desideraten der Praxis und der Forschung ergibt sich das übergeordnete Erkenntnisinteresse der Projekts, herauszufinden, wie Englischunterricht, der auf die Förderung fremdsprachlicher Hörversrtehenskompetenz ausgerichtet ist, gestaltet sein sollte, so dass er diese Kompetenz prozessorientiert Weiterentwickelt und von den Lernenden auch als lernförderlich wahrgenommen wird. Dabei interessiert sich das Projekt vor allem für das Zusammenspiel der Elemente des Hörverstehensunterrichts (vgl. Folkerts 2024, 223), um möglichst qualitativ hochwertigen Englischunterricht zu ermöglichen.
Mit welchen Praxisakteur:innen wurde im Projekt zusammengearbeitet?
In dem Projekt, dessen Datenerhebungen von 2021-2025 andauerten, wurde mit einer Vielzahl an Praxisakteur:innen kooperiert und kollaboriert (zur Unterscheidung von Kooperation und Kollaboration vgl. Siepmann et al. 2025). Vor allem ging es zunächst im Rahmen der Analysis & Exploration darum, den lokalen Kontext abzustecken und verschiedene Bedürfnisse der Stakeholder (Schüler:innen, Lehrkräfte, Fachleitungen, s.o.) zu identifizieren, da diese von der bisherigen Forschung nur sehr marginal erfasst wurden (z. B. Mertes 2019). Im Rahmen der Design & Construction Phase wurde in einer ersten Designschleife des Projekts mit einer Lehrkraft kollaborativ eine Unterrichtsreihe für Klasse 9 entwickelt, die das fremdsprachliche Hörverstehen als Hauptfokus hat. Leider musste die Lehrkraft jedoch den Schuldienst verlassen, was dazu führte, dass die entstandene Unterrichtsreihe an zwei Schulen in Kooperation mit zwei Lehrkräften erprobt, an den lokalen Kontext angepasst und teilweise weiterentwickelt wurde. Für die Evaluation & Reflection Phase wurden einne Vielzahl an Daten (insbsondere qualitative Daten in Form von leitfadengestützten Gruppeninterviews) erhoben, die sowohl die Perspektive der beteiligten Lehrer:innen, vor allem aber die Perspektive der Lernenden umfangreich abbilden. Für die zweite Designschleife wurde dann mit einer weiteren Lehrkraft an einer dritten Schule kollaboriert und eine neue Unterrichtsreihe entwickelt, die auf den Erkenntnissen der ersten Designschleife aufbaut. Durch die intensivere Kollaboration war es hier möglich zusätzliche Daten z.B. in Form von Unterrichtsbeobachtungen zu erheben. Die Daten werden aktuell anhand der qualitativen Datenanalyse (Miles et al. 2019) ausgewertet.
Was entsteht aus dem Projekt (Praxis-/Theoriebeitrag)?
Als Output für die Praxis ist geplant, die entstandenen Unterrichtsreihen als open educational ressource zur Verfügung zu stellen, um Lehrkräften zu ermöglichen am Beispiel dieser Unterrichtsreihe die entwickelten Designprinzipien nachzuvollziehen. Darüber hinaus soll auch eine weitere Dissemination in Form von asynchronen und synchronen online Schulungen stattfinden. Als Bindeglied zwischen praxisorientiertem und theorieorientiertem Output fungiert eine Einführungsmonographie (Narr Starter), die sowohl im Rahmen der Ausbildung von Fremdsprachenlehrkräften genutzt werden kann als auch Praktiker:innen einen unkomplizierten Einstieg bieten soll. Nicht zuletzt werden die Ergebnisse auch umfänglich im Rahmen einer Dissertationsschrift veröffentlicht. Dabei bilden die in der Praxis validierten und von der Theorie gestützten Designprinzipien das Kernstück des Theorieoutputs.
Literatur
Aryadoust, V. (2022). The Known and Unknown About the Nature and Assessment of L2 Listening. International Journal of Listening, 36(2), 69–79. https://doi.org/10.1080/10904018.2022.2042951
Field, J. (2008). Listening in the Language Classroom (1st edn). Cambridge University Press. https://doi.org/10.1017/CBO9780511575945
Folkerts, J.-F. (2024). Wer Ohren hat zu hören. Qualitätskriterien für guten Hörverstehensunterricht aus der Perspektive von Englischfachleitungen. In V. Lohe, A. Lindl, & P. Kirchhoff (Eds), Unterrichtsqualität in schulischen Fremdsprachen. Theoretische Ansätze und empirische Ergebnisse aus den Fachdidaktiken (pp. 201–228). W. https://doi.org/10.31244/9783830999201.09
Folkerts, J.-F., & Matz, F. (2024). The Challenge of Learning to Listen—Insights into a Design-Based Research Study in German EFL Secondary Education. In J. Reckermann, P. Siepmann, & F. Matz (Eds), Oracy in English Language Education (Vol. 36, pp. 125–145). Springer Nature Switzerland. https://doi.org/10.1007/978-3-031-59321-5_8
Goh, C. C. M., & Vandergrift, L. (2022). Teaching and learning second language listening: Metacognition in action (Second edition). Routledge.
Mertes, M. (with Ruhr-Universität Bochum). (2019). Hörverstehen im Englischunterricht: Bestandsaufnahme und Entwicklungsperspektiven. Projektverlag.
Miles, M. B., Huberman, A. M., & Saldaña, J. (2020). Qualitative data analysis: A methods sourcebook (Fourth edition). SAGE.
Rossa, H. (2012). Mentale Prozesse beim Hörverstehen in der Fremdsprache. Peter Lang D. https://doi.org/10.3726/978-3-653-01393-1
Siepmann, P., Schlieckmann, R. & Folkerts, J.-F. (2025, im Druck). Pulling in the same direction – Reflexionen und Heuristiken zur Gestaltung der Zusammenarbeit zwischen Forschenden und Lehrenden in designbasierter (Fremdsprachen-)Forschung. In: Babylo nia, 3/2025.
